Artist of the Week – Gary Odd

Public Republic, 2016-11-21 / 2017-02-26 / 2017-03-06

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Interaktive Ausstellung: Vom Punk zum Märchenverkäufer
Gary Odd und «Ulpi» erzählen Großstadtmärchen in der Mitte

Basler Zeitung, 2006-01-31

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Bohemien
Ulpi ist auf den ersten Blick nur ein kleines Strichmännchen. Doch wer das clevere Kerlchen näher kennen lernt, stösst auf ein Stehaufmännchen und einen grossen Lebenskünstler mit philosophischen Ansätzen. Die Ulpi-Märchen handeln vom Nichtuntergehen. Es sind kleine Sinngeschichten, wie man die Tücken und Widrigkeiten des täglichen Lebens auch bestehen kann.

Freiheit
Gary Odd ist der Erfinder von Ulpi. Seit bald 20 Jahren zeichnet der einstige Punk die Comics und klebt sie dann zu quadratischen Büchlein zusammen – ganz ohne Verlag. «Ich will das Tempo und die Richtung bestimmen», so Odd, «und nicht die Verwaltungsräte.» Und das funktioniert; in Europa, Amerika und Asien hat er schon rund 100 000 Ulpi-Comics verkauft. An der Ausstellung in der Mitte gibt es denn auch Texte, Zeichnungen und Installationen von Gary Odd zu sehen.

unternehmen mitte, Kuratorium
Gerbergasse 30, 10 bis 23 Uhr


Märchen vom Alt-Punk -
Der Weltenbummler zeigt in der «Mitte» sein Strichmännchen Ulpi

Baslerstab, 2006-01-23, Philipp Schrämmli

Vom Punkrocker zur Märchentante. Gary Odd ist so wandelbar und vielseitig, wie seine Lieblingsfigur, das Strichmännchen «Ulpi». Die Geschichte von einem, der auszog, von Märchen zu leben.

Es war einmal ein kleiner Junge namens Gary. Gary wuchs in Kreuzlingen auf und war kein Freund des Establishments. Deshalb beschloss er, Punk zu werden. Damals, so Ende der 70er, gab es in Kreuzlingen aber noch nicht so viele Punks. «Wir waren zu zweit», erzählt Gary und lächelt.

Doch das machte Gary nichts aus. Er gründete die Punkband «Abgas». Die war nicht ganz so professionell wie heutige Bands: Eine Woche vor ihrem ersten Auftritt hielten die «Abgase» zum ersten Mal die Instrumente in den Händen. Aber Konventionelles lag der Band ohnehin nicht. Die Mitglieder standen üblicherweise nackt auf der Bühne.

Frische Luft
Damals im Thurgau war alles noch etwas enger. Gary verspürte den Drang, unabhängig und frei zu sein. Mit dem Verkauf von selber produzierten Fanzines hielt er sich über Wasser. Doch nach sieben Jahren «Abgas» wollte Gary an die frische Luft: «Eigentlich hatten wir keinen Grund mehr, immer gegen alles zu sein», erinnert er sich. «Wir hatten Spass an unserem Leben.»

Gary hatte neben der Musik ein weiteres Talent: Er konnte zeichnen. Und so begann er, kleine Märchen zu verfassen und sie mit Klebeband zu kleinen Büchlein zu binden. Sein erster Kunde kaufte ihm gleich 20 davon ab. «Das war wohl mein wichtigster Deal», sagt Gary.

Von nun an zog er fast jeden Abend von Beiz zu Beiz und verkaufte seine selbst gemalten Märchen. 1990 ging er mit seiner heutigen Frau, der Fotografin Doris Peter, auf Welttournee: USA, Bulgarien, Indonesien.

Über die Jahre schrieb Gary neun Büchlein und verkaufte mehr als 100 000 davon. Fast immer dabei: Ulpi. Ulpi ist schlau und schräg und liebt als letzter wahrer Bohemien das süsse Leben. In seinem neusten Abenteuer «Ulpi und der Dschungel» muss sich der «Märchenprinz mehrerer Grossstadtstrassen» einen Job suchen.

1998 kam Gary zurück. Seither lebt er in Allschwil. Der Grund für die Rast des Weltenbummlers war die Geburt seines ersten Kindes. Mittlerweile ist Gary 42 Jahre alt und hat ein eigenes Atelier. Dort zeichnet er nicht nur neue Ulpi-Märchen, sondern erledigt auch «kommerzielle Arbeiten» wie Layout-Aufträge.

Das Unternehmen Mitte zeigt ab nächstem Montag eine Ulpi-Ausstellung. Vor Ort sein wird auch Gary, im Handgepäck ein paar Märchen. Und die, die nicht gestorben sind, können eines von ihm kaufen.

«Ulpi der Bohemien – ein Großstadtmärchen»
30. Jan. bis 5. Feb. 2006, unternehmen mitte


Vom Punk zum Märchenverkäufer

Yellowworld (Internetportal der Schweizer Post), 2001, Udo Theiss, i.n.f.a.m.

Der Schweizer Gary Odd ist Märchenschreiber und -zeichner, Verleger, Drucker, Buchbinder und Buchhändler in einem.

Gary Odd lebt von Märchen. Märchen, die er sich selber ausdenkt, zeichnet, fotokopiert und mit simplem Klebeband zu kleinen, quadratischen Büchlein bindet. Die verkauft er in Bars, in Beizen und an Festivals für 5 Franken das Stück. Das macht Gary in Basel, in Zürich, Bern aber auch Berlin, Paris, New York, Bulgarien, Thailand und Indonesien. «Es gibt überall Leute, die meine Märchen mögen». Und das seit 15 Jahren.

Keine Lust, die Jugend zu verheizen
Als Aussteiger sieht sich Gary nicht. «Ich bin ja nie eingestiegen. Was nützt mir eine Karriere, wenn ich dafür mein Leben aus der Hand geben muss?» Schon als Kind hatte der heute 37-Jährige Zeichnungen gegen Süssigkeiten getauscht und ist mit selbstgemachtem Popcorn hausieren gegangen. «Warum sollte so was nicht auch als Erwachsener funktionieren. Ich hatte einfach keine Lust, meine Jugend zu verheizen. Weder in der Tretmühle einer bürgerlichen Existenz, noch auf dem Platzspitz.» So begann Gary Märchen zu produzieren. «Die Abenteuer des kleinen Mannes, der kleinen Frau und vor allem des kleinen Ulpi.»

Bestseller ohne Buchhandel
Und die Märchen ernähren ihren Mann. Mittlerweile hat Gary weit über 100 000 Märchen verkauft. Alles ohne Verlag, Werbung und Buchhandel. Daneben hat er Ausstellungen gemacht, ein «echtes» Buch über seine Wanderjahre veröffentlicht und sein Internetprojekt vorangetrieben. Wie’s weitergeht? «Alles offen. Ich will einfach nicht so ein frustrierter, sturer, alter Hund werden.»

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Quadratische Taschenmärchen als Lebensgrundlage


Ich mache es wie mein Held Ulpi!

Beobachter 1999, Udo Theiss, i.n.f.a.m.

Der 35jährige Gary Odd pendelt zwischen Amerika, Thailand und Europa und schlägt sich als Märchenerzähler durch. Eine Erfolgsgeschichte der besonderen Art.

Ein Aussteiger bin ich nicht. Ich bin ja nie eingestiegen. In den frühen achtziger Jahren, als ich meine KV-Stifti abgeschlossen hatte, herrschte Hochkonjunktur. Die Karrieremöglichkeiten schienen unbegrenzt, das Geld lag auf der Strasse. Aber was nützt mir eine Karriere, wenn ich dafür mein Leben aus der Hand geben muss?

Ich war schon als Kind eher ein Fan von Huckleberry Finn als von Tom Sawyer. Deshalb habe ich mich lieber der Punk-Bewegung angeschlossen statt dem neuen Mittelstand. Punk hat für mich genau das repräsentiert, was ich unter Leben verstand: Man tut, was man will, und schafft sich eigene Regeln und Strukturen, statt sich den bestehenden unterzuordnen. Ich spielte in einer Band, gab Fanzines (Fan-Magazine) heraus und hatte ein Kassettenlabel. Im Prinzip waren wir damals alle grosse Kinder.

Aber Mitte der achtziger Jahre merkte ich, dass um mich herum alle «erwachsen» wurden. Es war vor allem die Liegenschaftsspekulation, die immer mehr Leute aus der Bewegung zwang, sich mit dem ungeliebten System doch noch zu arrangieren. Die Mieten wurden so teuer, dass sich die meisten mit den üblichen Gelegenheitsjobs nicht mehr über Wasser halten konnten. Plötzlich hatte niemand mehr Zeit. Wer die entsprechenden Möglichkeiten hatte, ging in die Werbung, die Informatik oder nahm einen Medienjob an. Aber ich habe auch jede Menge hochintelligente, begabte Leute gekannt, die in irgendwelchen Hilfsarbeiterjobs versauert sind oder sich aufs Land zurückgezogen haben. Am schlimmsten war, dass zu viele gute Leute in die Drogenszene abgerutscht und im Drogenkrieg gestorben sind.

Ich sah mich vor die Entscheidung gestellt, was ich mit meinem Leben anfangen sollte. Denn ich hatte keine Lust, meine Jugend zu verheizen. Weder in der Tretmühle einer bürgerlichen Erwerbsexistenz noch auf dem Platzspitz.

Ich beschloss, mich von Sachzwängen und der Fremdbestimmung zu befreien und mich auf meine ganz persönlichen Ressourcen zu besinnen. Schon als Kind habe ich Zeichnungen gegen Süssigkeiten getauscht und bin mit selbstgemachten Popcorn hausieren gegangen. Warum sollte so was nicht auch für Erwachsene funktionieren? Also begann ich, Märchen zu produzieren: die Abenteuer des kleinen Mannes, der kleinen Frau und vor allem des kleinen Ulpi.

Ich zeichnete die Märchen mit einem Faserschreiber auf A4-Papier, kopierte die Vorlagen, schnitt die Einzelbilder aus und klebte sie zusammen. Das quadratische Format passt perfekt in die Jeanstasche. So kann ich immer ein paar Märchen mit mir rumtragen. Manchmal bin ich ohne einen Rappen in der Tasche in die Beiz gegangen und habe was zu Essen bestellt. Erst dann habe ich die Runde durchs Lokal gemacht und ein paar Märchen verkauft.

Das hat immer funktioniert. Hin und wieder habe ich im Lebensmittelladen Eier und Brot gegen ein paar Märchen eingetauscht. Kleine Geschäfte haben sich auf den Tauschhandel eingelassen, Konzerne jedoch nicht. Da hat niemand mehr die Kompetenz, etwas zu tauschen.

Für das Verdienen des Lebensunterhalts mit dem Verkauf von selbstgemachten Märchen ist die Schweiz ein bisschen zu klein. Wenn man von Beiz zu Beiz zieht, von Festival zu Festival, hat schnell mal jeder, den es interessiert, deine Märchen gekauft. Also habe ich mich aufgemacht als Abenteurer und Handelsreisender in Sachen Märchen. Ich war in verschiedenen deutschen Grosstädten, in Amsterdam, Bulgarien, Thailand und Indonesien. Es gibt überall Leute, die meine Märchen mögen. In Thailand hat mir ein Lehrer einen ganzen Packen abgekauft, um die Märchen im Englischunterricht zu verwenden.

Auf meinen langen Reisen habe ich gelernt, dass die schweizerische Art zu leben wirklich nur eine von vielen Möglichkeiten ist. Mit meinem Verzicht auf Sicherheiten habe ich mich eigentlich nur der Mehrheit angeschlossen: Die meisten Menschen auf der Welt leben von der Hand in den Mund, haben keine Krankenkasse und Sozialversicherung. Sie müssen sich tagtäglich etwas einfallen lassen und sind trotzdem oft zufrieden dabei.

In den 15 Jahren als Märchenverkäufer war ich schon etliche Male total abgebrannt in fremder Umgebung. Dann musste ich mir eben was einfallen lassen. In New York bin ich mit dreissig Cents angekommen. Gerade genug, um ein paar Märchen zu kopieren. Ich bin vier Monate geblieben.

Die Reisejahre mit Ulpi waren für mich eine Überlebensausbildung. Ich vertraue voll und ganz darauf, dass ich immer einen Weg finde, um mich durchzuschlagen. Auch wenn man mich in der Unterhose in Phnom Penh aussetzt. Ich mache es wie mein Held Ulpi: In einem meiner Märchen werden all seine Schweine von Krokodilen aufgefressen. Also wird aus dem ehemaligen Schweinezüchter ein Kroko-Taschen-Produzent. Um diese Gelassenheit beneiden mich heutzutage wohl die meisten Normalerwerbstätigen.

Die Geschichte von Ulpi ist meine persönliche Erfolgsstory. Ich kenne die Zahlen nicht genau, aber jedes der neun Märchen wurde mehr als 10 000 Mal verkauft.

Eine bürgerliche Existenz zu gründen wäre sicher einfacher gewesen als der Weg, den ich gewählt habe. Aber das übliche Wechselspiel von entfremdeter Erwerbsarbeit und Konsum finde ich ähnlich trist wie eine Existenz als Drogensüchtiger. Obwohl ich für mein Empfinden sehr viel freie Zeit habe, komme ich nicht gross zum Konsumieren, weil ich eigentlich immer produziere. Jetzt mache ich ein paar Ausstellungen mit Zeichnungen, Texten und Fotos aus den Wanderjahren. Zudem habe ich gerade ein Buch über diese Zeit veröffentlicht. Weiter beschäftige ich mich mit www.ulpi.com, meinem Internetprojekt, Ulpi-Puppen, Kurzfilmprojekte und neuen Ulpi-Geschichten. Vielleicht mach' ich auch mal etwas ganz anderes.

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Es ist alles offen. Ich will einfach nicht so ein frustrierter, sturer alter Hund werden. Oder, um Ulpi zu zitieren: Wenn man weiss, was man will, muss man viele Dinge tun, die man nicht will, um zu erreichen, was man will. Wenn man weiss, was man nicht will, bleibt am Schluss nur noch übrig, was man wirklich will.


Mit dem kleinen Ulpi um die grosse Welt

Züri Woche, 1999-03-04, Christoph Soltmannsowski

Gary Odd finanziert sich sein Leben und seine Reisen mit einem Strichmännchen. Ob in Tijuana, Konstanz oder Las Vegas, ob in Sofia, Amsterdam oder Bangkok, ob auf Ibiza oder in Berlin – überall liebt man Ulpi.

Ulpi ist auf den ersten Blick nur ein kleines Strichmännchen. Doch wer das clevere Kerlchen näher kennenlernt, stösst auf einen grossen Philosophen und Lebenskünstler.

Damit hat Ulpi vieles mit seinem Schöpfer gemeinsam: Der Mann, der sich Gary Odd nennt, spielte Anfang der achtziger Jahre noch in der Zürcher Punk-Band «Abgas». Und zwar nackt, nur mit Fingerfarben bemalt.

Inzwischen ist der 34-jährige rund um den Globus getrottet, mit wenig Gepäck und minimalsten Büroutensilien. Das ist alles, was es braucht, um in Copy-Shops die Ulpi-Märchenbüchlein herzustellen. Gary ist Autor, Verleger, Drucker und Verkäufer in einem: Mit Ulpi’s Abenteuern finanziert er seine eigenen. Über 100 000 Ulpi-Büchlein hat er schon verkauft – auf der Strasse oder in Restaurants und Kneipen.

«Ich kann irgendwo aufwachen, und nichts tut besonders weh. Ich habe einen Kopf, zwei Füsse und zwei Hände, mit denen ich was machen kann, und einen ganzen Tag vor mir», sagt der Optimist Gary. Diese Philosophie teilt der Überlebenskünstler mit seinem Ulpi.

So simpel Ulpis Botschaften sind, so problemlos werden sie überall auf dem Erdball verstanden: Seien es Schweinefarmer in Virginia, Pralinenverkäufer in Sofia, Nonnen in San Francisco – alle haben Ulpi gern. Manche Ulpi Stories gibt es mehrsprachig: So kaufte ein Lehrer in Thailand gleich ein ganzes Set für seine Klasse – Englisch lernen mit Ulpi. Oft enden die Geschichten mit einer Lebensweisheit. Beispiel gefällig? «Die meisten Vorhaben scheitern an der Suche nach den Möglichkeiten, die man nicht hat.»

Wie in den Ulpi-Geschichten scheint auch bei Gary Odds Tourneen nicht immer die Sonne. Lange nicht überall ist der Verkauf von Mini-Märchenbüchern erlaubt. «Verboten ist, erwischt zu werden», lautet Garys Devise. Daneben hagelt’s manchmal auch Kritik. Der Titel seines Büchleins «Der kleine Mann» verärgerte Feministinnen in Berlin-Kreuzberg. Doch zum «Kleinen Mann» gesellt sich inzwischen die «Kleine Frau». Schliesslich hat auch Ulpi eine Freundin. Sie heisst Lini und ist – wie der Künstler einräumt – zumindest im Charakter seiner Lebensgefährtin Doris Peter nicht unähnlich. Die Zürcher Fotografin hat Gary – und Ulpi – oft auf Reisen begleitet. Resultat ist das jetzt erschienene Buch «Einer, der auszog, von Märchen zu leben»: Ein buntes Sammelalbum voller Fotos und Ulpi-Kunst: Ulpi auf beschlagenen Fensterscheiben, auf Post-It-Klebern – und, ganz verwegen: Ulpi nackt. Deshalb gibt es auch einen Aufkleber, der vor «explicit lyrics, drawings & pictures» warnt. Wie sein Schöpfer Gary lässt sich Ulpi auf keinen Fall zähmen. Essen muss Gary trotzdem: Im Internet-Ulpi-Shop gibt es jetzt Ulpi-Puppen, das Ulpi-Cap und – für ganz besondere Anlässe – den Ulpi-Sekt. Unter www.ulpi.com bekommen ausserdem alle Ulpologen immer das Neueste mit. In Zürich, wo alles anfing, bereitet Gary Odd einen weiteren ulpistischen Höhepunkt vor: Eine Ulpi-Ausstellung – wann die allerdings Realität wird, steht in den Sternen beziehungsweise vielleicht irgendwann auf Ulpis Homepage.


Toast auf Gary Odd, der von Märchen lebt

Toaster, April 1999

Wenn dir eines Abends in einer gemütlichen Beiz ein Mann statt Rosen ein kleines buntes Buch anbietet, dann hast du die Chance, Ulpi kennen zu lernen. Dies könnte überall auf der Welt passieren, denn Ulpis Zeichner Gary Odd (35) bleibt nicht gerne allzu lange am selben Ort.

Es war einmal ein Junge, der zeichnete gern und wuchs in einer kleinen Stadt in der Ostschweiz auf. Nach der Schule machte er eine kaufmännische Lehre und zog als Gitarrist mit einer Punk-Band herum. Das gefiel ihm so gut, dass er beschloss, eine richtig grosse Reise zu machen.

Er packte seine sieben Sachen in einen Seesack und zog los: von Zürich nach Korsika, dann nach Berlin, Bulgarien und in die USA, wo er lange blieb. Aber auch Asien und Südamerika hat er gesehen.

Finanziert hat er – mittlerweile ein Mann namens Gary Odd – seine Reise mit winzigen Büchern, zehn auf zehn Zentimeter gross. Hergestellt hat er diese unterwegs; sie sind mit Bostich und Klebeband zusammengeheftet. Der Preis war von Land zu Land verschieden. In der Schweiz bezahlte man vier Franken. «Mit wenig Geld konnte ich in jeder Stadt einige Büchlein herstellen und verkaufen. Mit dem Verdienst konnte ich leben und wiederum neue Büchlein produzieren», erzählte Gary, der mit vielen Leuten in Kontakt kam. «ich war kein Tourist, das Reisen war mein Leben.» Er lebte in Hotels, Motels und bei FreundInnen. Wenn die Nachfrage nach den kleinen Büchern in einer Stadt erschöpft war, zog er weiter. Fand er in einer fremden Stadt ein gutes Lokal, fragte er, ob er seine Märchen dort anbieten dürfe. «Meistens wurde ich freundlich empfangen», sagt er. Auch beim Reisen. «Die Reaktionen auf meine Büchlein waren in allen Ländern sehr ähnlich. Den einen gefielen sie, den anderen nicht.» In jeder Stadt stellte sich Gary eine Verkaufstour zusammen. Nebst Kneipen sei auch die U-Bahn ein guter, aber gefährlicher Verkaufsort, weil das Verkaufen dort verboten ist. Oft wurde Gary beim Reisen von seiner Freundin Doris begleitet. Sie machte Fotos und verkaufte mit Gary zusammen die Märchen.

Gary nennt seine Geschichten Märchen. Es sei eine Art Tagebuch, in dem er Dinge zeichnet, die er erlebt oder beobachtet hat. Garys Märchen sind mit wenigen Strichen gezeichnet und haben einen kurzen Text, meist auf Deutsch und Englisch. Je nach Land hat Gary die Büchlein jedoch in die betreffende Sprache übersetzt.

Die Märchen handeln vom kleinen Ulpi, der sein Zimmer nicht aufräumen will, oder von Ulpi, dem Schweinezüchter, dem alle seine Tiere von Krokodilen weggefressen werden und der jetzt gutes Geld mit dem Verkauf von Krokodilleder verdient. Auf der letzten Seite von jedem Märchen gibt es eine Moral der Geschichte. Eine konkrete Botschaft hat Gary jedoch nicht. «Jeder soll sich seine eigenen Gedanken machen.»

Seine Reise sieht Gary als eine Art Wanderjahre, eine Lehre. Was er dabei genau gelernt und inwiefern er sich verändert hat, fällt ihm schwer zu sagen. «Ich bin gefestigter und gelassener», meint er, «und zwar vielem gegenüber.» Zudem habe er viele Erfahrungen in der Seele, auf die «zurückgreifen» könne.

Nach sechs Jahren Herumreisen mietete sich Gary 1997 ein winziges Atelier in Basel. Dort ordnete er die Fotos und andere Andenken seiner Reise und stellte sie zu einem Buch zusammen. Dieses heisst «Einer, der auszog, von Märchen zu leben» und es ist die Geschichte von Gary und Ulpi gleichermassen. «Ich habe dieses Buch für mich gemacht», sagt er, «aber auch als Ansporn für andere Leute.»

In der Ausstellung sind noch mehr Bilder und gezeichnete Erlebnisse seiner Reise zu betrachten. Ist die Ausstellung beendet, will Gary wieder nach Berlin gehen. «Dort habe ich eine gute Kundschaft.» Zusammen mit Freundin Doris wird er weiterhin Märchen verkaufen.


Ulpi hat Freunde von Tokio bis Amsterdam

Kölner Stadt-Anzeiger, Henning Hoff

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Es war einmal in der Schweiz ein Junge namens Gary, der schrieb und zeichnete gern. Als er etwas älter war, machte er Musik in der Punk-Band »Abgas«, entwarf Fan-Zeitschriften mit wildem Layout und kam viel herum in der Welt. Kurz- und Trickfilme drehte er, und dann kam ihm eine neue Idee: Er zeichnete und textete kleine Märchen, reiste herum und verkaufte sie in aller Herren Länder. Und da ihn weder der böse Wolf gefressen noch die fiese Stiefmutter mit einem Apfel vergiftet hat, schreibt und verkauft er sie noch heute – zur Zeit in Köln.

Abends in den Kölner Kneipen verursacht Gary mit kunterbunter Baseballmütze und wehendem Sommermantel immer wieder verwundertes Augenwischen. Wie, nicht für eine rote Rose soll man nach Kleingeld kramen, sondern für ein Märchen? Verwunderung, lachen – doch meistens verfängt die ungewöhnliche Idee, und eine von Garys quadratischen Bildergeschichten wechselt den Besitzer. Ein Aussteiger sei er nicht, erklärte Gary Odd augenzwinkernd, denn: »Ich bin ja nie eingestiegen.« Ein Künstler? »Nein, eher ein Self-Made-Man oder ein Kind, das spielt.« Ein bis zwei neue Märchen entstehen pro Jahr. Gedruckt werden sie da, wo sich der Schweizer gerade aufhält. Die Ideen stammen »aus dem Leben, wie ich es sehe«. Ulpi heisst seine Lieblingsfigur, ein pfiffiger Junge mit wuscheligem Haar, der in einem der Märchen das Glück im Unglück hat, dass Krokodile all seine Schweine verschlingen, sich dann die Kroko-Taschen aber gut verkaufen lassen. Fürs »Märchen-Machen« gibt's kein Patentrezept: »Es kann auch mal sein, dass mir lange Zeit nichts einfällt.« Viel wichtiger sei es, unterwegs zu sein.

Das ist in den letzten Jahren geglückt. Nicht nur die Kölner blättern sich durch die gestrichelten Geschichten. In Hamburg und in Süddeutschland, in Amsterdam, Paris und Rom, in Amerika, Thailand und Indonesien haben Ulpi, das kleine Dreieck oder der kleine Mann ihre Freunde gefunden. Die Märchen sind offenbar ebenso international wie ihr Autor. Zuweilen hat die Lektüre sogar einen pädagogischen Effekt. In Thailand nahm ein Lehrer gleich einen ganzen Packen ab, um die zweisprachig abgefassten Geschichten im Englischunterricht zu verwenden.

Die Fangemeinde wächst. In Berlin-Kreuzberg ist Ulpi bereits eine kleine Kultfigur. Auch in Köln steigt der Bekanntheitsgrad. Zeit also für den nächsten Wechsel. Bald geht es wieder in die USA, die Pazifikküste rauf und runter. Das Reisen ist übrigens nicht immer einfach. Als auf dem New Yorker Flughafen einmal eine Dame vom Zoll Garys Koffer öffnete und märchenhaften Inhalt begutachtete, musste Gary Überzeugungsarbeit leisten, damit der Koffer nicht konfisziert wurde. Mit Erfolg: Die Zöllnerin fand die Idee witzig, klappte den Deckel zu und wünschte: »Good Luck!«.